Das Blut des silbernen Wanderers

Die Inselreich-Saga 2

Leseprobe


»Ronin!«, rief der Fette. »Sieh mal, was wir hier haben!«

Der Mann, der schließlich auf den Ruf hervortrat, war alles andere als ein Zwerg, und sein Gesicht war auch nicht mit Ruß beschmiert, sondern harsch geschoren, so dass die dunklen Bartstoppeln durch die ansonsten helle Haut schimmerten. Cailean begriff augenblicklich, warum man diesen Mann den schwarzen Ronin nannte: mit seiner dunklen Kleidung, dem ölschwarzen Haar und der Raubvogelnase erinnerte er ihn ein wenig an eine Krähe. Er mochte um die dreißig sein, aber vielleicht wirkte er auch einfach nur älter als er tatsächlich war.

»Wer ist das?«, fragte Ronin, nachdem sein Blick mit einem geradezu gelangweilten Ausdruck an Cailean auf und ab gewandert war.

»Ein Spion, sagen die beiden«, erklärte der mit dem Stiernacken und nickte zu Munro und Iona.

»Aha?« Ronin nahm seinen Blick nicht von Cailean, aber seine Augen, die wie zwei Smaragde in den Tiefen einer Miene aus seinem Gesicht leuchteten, verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Wie ist Euer Name?«

»Cailean Machberon.« Er hielt dem Blick stand, aber er hätte ohnehin nicht wegsehen können. Der Mann hatte eine seltsame Aura um sich. Nicht sympathisch, auch nicht direkt attraktiv, aber auf eine seltsame Art faszinierend. Es war diese bestimmte Ausstrahlung, die einen Menschen zu einem Anführer machte.

»Nie gehört«, schnaubte Ronin und verzog verächtlich den Mund. »Und was habt Ihr hier verloren in der Einsamkeit am Rande des Kentyre-Gebirges?«

»Ich wandere umher«, gab Cailean zur Auskunft. »Ich bin gewissermaßen ein Eremit.«

»Ein Eremit?« Skeptisch hob Ronin eine Augenbraue. »Ihr seht erstaunlich gepflegt aus für einen Einsiedler, mit Eurem glatten Gesicht. Seit wann scheren Eremiten sich den Bart? Für wen?« Mit jedem Wort kam der Schwarze einen Schritt näher, bis nur noch wenige Handbreit sie trennten.

»Leider gehöre ich nicht zu der Sorte Mann, der ein Bart wächst«, versetzte Cailean und lächelte amüsiert.

»So? Kann man jemanden überhaupt einen Mann nennen, dem kein Barthaar sprießt?«, rief der Grobschlächtige und die Umstehenden lachten. Alle, außer Ronin.

»Ich glaube Euch kein Wort«, zischte der Schwarze ihm zu und Cailean spürte dessen heißen Atem auf seinem Gesicht.

»Was für ein Jammer«, flüsterte Cailean zurück.

Ronin gab ein leises Knurren von sich und trat einen Schritt zurück. »Und außerdem redet Ihr wie einer von jenseits der Brücke. Euer Akzent verrät Euch. Ihr seid keiner aus Eilean Moryd.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Nun, das habe ich auch nie behauptet«, gab Cailean zu bedenken.

»Ah.« Ronin hob das Kinn. »Und woher kommt Ihr dann? Oh, lasst mich raten: Lundium. Direkt aus den Tiefen von Lyall Machnairns Hintern, nicht wahr?«

Wieder lachten alle Umstehenden und diesmal ließ sich auch der Schwarze zu einem Schmunzeln hinreißen.

»Ich bin diesem Lyall noch nie begegnet«, gab Cailean zurück, »und nein, ich komme nicht aus Lundium. Ich komme auch nicht von jenseits der Brücke. Ich komme von jenseits des Meeres.«

»Tharog?«, fragte Ronin und runzelte die Stirn.

Cailean nickte und seine Gedanken flogen für ein Moment zu dem benachbarten Inselreich, von dessen Küste er vor vielen Monaten zur Nordinsel Balians – oder, wie man hier sagte: Eilean Moryd – aufgebrochen war.

»Dann seid Ihr also ein Spion der Könige jenseits des Meeres? Aneiryn Athanavi und Riaghán Arachsúil?«

Die Namen droschen wie Peitschenhiebe auf Cailean hernieder und er schüttelte den Kopf. »Ich bin kein Spion, wie oft soll ich das denn noch sagen?«

Ronin nickte langsam und wandte sich zu den Umstehenden. »Bringt ihn in meine Hütte«, befahl er mit einem Handwink. »Ein paar Stunden mit mir allein – oder vielleicht sogar nur Augenblicke – werden die nötigen Informationen schon aus ihm herausziehen.«

»Die Spezialbehandlung, Ronin?«, fragte der Fette und Cailean blickte mit Abscheu in sein geiferndes Gesicht.

Der Schwarze nickte. »Er will es ja nicht anders. Und was dich angeht, Iona«, er wandte sich zu der jungen Frau, »solltest du es noch einmal wagen, dich entgegen meiner Anweisung auf eine solch gefährliche Mission zu begeben, werde ich dich in deiner Hütte anketten lassen. Es ist absolut unangemessen, in deinem Zustand solche Wagnisse einzugehen!« Es klang wie das Knurren eines wilden Hundes.

Caileans Blick flog zu dem Mädchen, und erst jetzt entdeckte er die kaum wahrnehmbare, aber doch eindeutig vorhandene Wölbung ihres Bauches. Sie ist schwanger, stellte er fest und fragte sich, ob der schwarze Ronin wohl der Vater des Kindes war. Gemessen daran, wie erbost er auf Ionas kleinen Ausflug reagierte, war das ziemlich wahrscheinlich.

»Manchmal hasse ich dich wirklich!«, keifte die junge Frau und stapfte wütend davon.

Jemand boxte Cailean unfein in den Rücken und er setzte sich in Bewegung, während der Stiernackige ihn wieder am Seil hinter sich her führte. Sie begaben sich zu einer der schäbigen Hütten und Cailean wurde grob hineingestoßen. Beim Hinausgehen versetzte der Fette ihm einen Hieb in die Rippen, der ihm den Atem nahm.

»Viel Spaß«, höhnte der Kerl und machte sich davon.

Ronin packte das lose Seilende, das von Caileans gefesselten Händen herabhing und befahl ihm, sich auf den einzigen Stuhl zu setzen, der in dieser Kate vorhanden war. Der Wanderer, der so langsam bereute, sich seiner Entführung so freiwillig hingegeben zu haben, tat, wie ihm geheißen und der Schwarze benutzte das herabhängende Seil, um ihn an den Stuhl zu binden.

Cailean hatte erwartet, nun einem Verhör unterzogen zu werden und war umso verwunderter, als Ronin stattdessen einen Kessel Wasser über dem Herdfeuer erhitzte, getrocknete Kräuter in einen Becher gab und diese schließlich mit dem kochenden Wasser aufgoss. »Es war ein langer Tag«, sprach er, ließ sich mit einem Seufzen auf einer Bank gegenüber dem Stuhl nieder und nahm einen Schluck aus dem Becher.

»Tee?«, fragte Cailean und zog eine Braue in die Höhe. »Nicht Ale oder Wein zum Abend?«

Ronin lehnte sich zurück und sein rechter Mundwinkel hob sich zu einem freudlosen Lächeln. »Ich trinke niemals Ale oder Wein. Es vernebelt die Sinne und ich bin lieber zu jeder Zeit bei klarem Verstand.«

»Wie lobenswert. Und was habt Ihr Euch da aufgebrüht?«

Der Schwarze blickte in den Becher und schwenkte die Flüssigkeit hin und her, um sie abzukühlen. »Getrocknete Sommerblüten und etwas morydisches Schneekraut.«

»Schneekraut?« Cailean horchte auf. Schneekraut war, richtig angewandt, ein starkes Beruhigungsmittel. Warum mischte der Kerl sich das in den Tee? »Habt Ihr Schlafprobleme?«

»Gelegentlich«, beschied der Schwarze kurz angebunden, stellte den Becher beiseite und erhob sich. »Aber wir wollen nicht über mich reden, sondern über Euch, Cailean Machberon.«

»Nun, es gibt nicht wirklich viel über mich zu erzählen«, beschied er ihn.

»Das werden wir sehen.« Ronin öffnete einen Lederbeutel, der von einem Haken an der Wand hing, und zog einen kleinen Gegenstand heraus. Das Ding bestand aus zwei Platten, innen mit spitzen Zähnen besetzt, und einem Gewinde.

Daumenschrauben, dachte Cailean und atmete tief durch. Nein, das, was er sich als lustiges Abenteuer vorgestellt hatte, nahm langsam ziemlich ungesunde Züge an. »Ich bin gespannt, wie Ihr das Ding an meine Daumen bekommen wollt, wo doch meine Hände hinter meinem Rücken gefesselt sind«, bemerkte er mit einem hochmütigen Lächeln.

Der Schwarze gab einen amüsierten Laut von sich und taxierte ihn aus seinen grünen Augen. »Wer hat gesagt, dass ich Eure Daumen dazwischenklemmen will?«

Cailean schluckte, fand aber sogleich seinen Sarkasmus wieder. »Ich fürchte, für andere Teile braucht Ihr weitaus größere Daumenschrauben.«

»Ach ja?« Der Mundwinkel wanderte wieder nach oben. »Was nicht passt, das schneide ich mir zurecht.« Seelenruhig macht er sich daran, Caileans Fesseln zu lösen.

»Habt Ihr keine Angst, dass ich Euch niederschlage, sobald meine Hände frei sind?«

»Ich vertraue darauf, dass meine Reflexe schneller sind als Euer unsinniges Vorhaben.« Er zerrte ihm die Hände hinter dem Rücken hervor und führte sie vorn wieder zusammen.

Es wäre ein guter Moment für Cailean gewesen, dem Mann einen Kinnhaken zu verpassen, sich vom Stuhl loszubinden und aus der schäbigen Hütte zu flüchten, jedoch lagen seine Hände schwer wie Blei in seinem Schoß und wollten ihm einfach nicht gehorchen. So hatte Ronin ein leichtes Spiel, ihm die Hände wieder zusammenzubinden.

»Dass Ihr überhaupt keine Gegenwehr leistet, lässt zweierlei Schlüsse zu«, begann der Schwarze im Plauderton, »der eine wäre, dass Ihr immer noch glaubt, ich wolle Euch nur ein wenig Angst einjagen und würde die Daumenschrauben nicht wirklich benutzen. Der andere wäre, dass Ihr Schmerzen liebt.«

»Vielleicht bin ich aber auch einfach nur beeindruckt von Eurer Autorität und füge mich daher meinem unausweichlichen Schicksal«, bemerkte Cailean spitz.

»Ihr tätet besser daran, Euch nicht über mich lustig zu machen, denn ich habe kein Problem damit, an den Schrauben zu drehen, bis Euch die Knochen knacken.« Mit einer beinahe gelangweilten Miene führte Ronin Caileans Daumen zwischen die Platten. »Also, beginnen wir noch einmal von vorn. Wie lautet Euer Name?«

 

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