Der König der Silion-Gasse

Leseprobe


Er trat an das Fenster, schob einen der feinen Vorhänge beiseite und blickte hinaus. Für einen Moment stockte ihm der Atem. Eine weite Gartenanlage tat sich vor ihm auf. Sie war vollkommen anders als die wilden, grünen Gärten in seiner Heimat. Hier wirkte jede Blüte, jeder Grashalm, als sei er von Hand an den Ort seiner Bestimmung gesetzt worden. Zwischen den Sträuchern, Stauden, Blumen und Obstbäumen verliefen weiß gepflasterte Wege, die zum Spazieren einluden. Weiter hinten, in Richtung der hohen Mauer, die die Anlage umgab, befand sich ein weißer Pavillon, dessen offene Seiten zum Teil mit ebensolchen bunten Tüchern behängt waren wie hier. Es würde schwierig werden, diese Pracht mit Worten zu beschreiben, wenn er wieder nach Hause zurückkehrte. Wer wusste, was es noch alles zu entdecken gab, wenn hier schon die Gärten so aussahen. Vielleicht noch viel mehr, als Rheon es sich zu erträumen gewagt hatte. Seine Freude bekam jedoch einen heftigen Dämpfer, als ihm einfiel, was geschehen war. 

Sein Schiff, die Silion, war gesunken. Die Besatzung, all die Männer, die sich im Vertrauen auf ihn auf diese Reise begeben hatten, hatten in den kalten Tiefen des Meeres den Tod gefunden. Auf einmal sah er Floins Körper vor sich, schlaff und leblos, wie er langsam in die Schwärze hinabgesunken war. Die Schemen und Schatten, die das Blitzlicht ihm gezeigt hatte. Ihm wurde übel und er lehnte sich weiter aus dem Fenster, in der Hoffnung, dass die frische, duftende Luft ihn beruhigen mochte. Es half nur geringfügig. Die Süße erschien auf einmal schwer und kaum noch zu ertragen, als stopfe ihn jemand mit zu vielen Zuckerspeisen voll, zur Strafe, weil er es gewagt hatte, einen Bissen davon zu sehr zu genießen. 

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn herumfahren. Momente später wurde die Tür geöffnet und Rheon blieb erneut die Luft weg, weil ihn der Anblick dessen, der das Zimmer betrat, beinahe noch mehr überforderte als der Garten. Der Mann war hochgewachsen. Nicht ganz so hoch wie Rheon, aber sicher größer als die meisten. Sein Körper war schlank, ohne mager zu sein, und in ein schwarzes, beinahe bodenlanges Gewand gehüllt. Ebenfalls schwarz waren sein brustlanges, glattes Haar und das Tuch, das er wie eine Krone auf den Kopf gebunden trug. Was Rheon jedoch tatsächlich den Atem stocken ließ, waren seine Augen. Es waren die Augen, in die er draußen in der Wüste gesehen hatte. Dunkel, lodernd, umrahmt von Khol, was sie noch geheimnisvoller wirken ließ als ohnehin schon. 

»Wer seid Ihr?«, flüsterte er mit einer Stimme, die so heiser war, als hätte er noch keinen einzigen Schluck getrunken.

»Anastasis«, kam zur Antwort. »Anastasis Benairn. König von Shelzahav.«

Für einen Augenblick erwog Rheon, vor dieser einnehmenden Präsenz auf die Knie zu fallen, schließlich war der König ihm in seinem Rang übergeordnet. Abgesehen davon, dass er wohl der schönste Mann war, den er je gesehen hatte. Aber irgendetwas in ihm weigerte sich, dem Herrscher, von dem er heute zum ersten Mal gehört hatte, die angemessene Ehrerbietung zu erweisen. Also blieb er stehen und hielt sich mit einer Hand am Fensterrahmen fest.

Ein Stirnrunzeln ließ eine steile Zornesfalte zwischen Anastasis’ Brauen erscheinen, während er die Hände hinter dem Rücken verschränkte. »Nun interessiert mich noch mehr, wie der Name des Mannes lautet, der nicht weiß, wie man sich einem König gegenüber beträgt. Ich hoffe doch, Ihr erinnert Euch daran, wie Ihr heißt.« Auch die Stimme war die, die er in der Wüste gehört hatte. Dunkel, volltönend, aber auf eine seltsame Art kalt. 

»Rheon Rí Silion«, brachte er hervor und erkannte im gleichen Moment, dass das dumm war. Aber die Präsenz seines Gegenübers war so einnehmend, dass er kaum in der Lage war, vernünftig zu denken.

»Hm.« Anastasis legte eine langgliedrige Hand an sein Kinn, auf dem ein dunkler Bartschatten schimmerte. »Ich spreche die tharoganische Sprache zwar nicht, aber ich weiß, dass Rí das Wort für König ist. Aber wo ist dieses Silion, dessen König Ihr sein wollt?«

Rheon musste unwillkürlich lächeln. Er hatte nicht bedacht, dass jemand, der ihn nicht kannte, seinen Beinamen für einen ernsthaften Königstitel halten könnte. »Silion liegt im Norden Tharogs, in der Stadt Allanthór. Es ist eine Gasse dort.«

»Ihr seid also Rheon, der König der Silion-Gasse?« Der Anflug eines Lächelns kräuselte Anastasis’ rechten Mundwinkel, verschwand jedoch so schnell, wie er gekommen war. »Und wie kommt ein Gassenkönig aus dem Norden Tharogs in die Wüste Daryavars?«

»Indem er Schiffbruch erleidet«, erklärte Rheon und schluckte hart. »Mein Schiff geriet in einen heftigen Sturm und kenterte. Ich bin vermutlich der einzige Überlebende.«

»Euer Schiff?« Anastasis musterte ihn interessiert. Rheon fühlte seine Handflächen klamm werden. »Wart Ihr der Kapitän?«

»Ja.« Rheon straffte die Schultern. »Ich bin der oberste Expeditionsleiter der morydischen Königin.« Und schon wieder hatte er vermutlich zu viel verraten. Was war nur los mit ihm?

»Königin?« Die Zornesfalte wurde noch steiler. »Seit wann hat Eilean Moryd eine Königin?« Erkenntnis breitete sich in den schönen, beherrschten Zügen aus. »Soll das heißen, Alasdhair ist tot?« Sein Tonfall und sein Mienenspiel ließen in keiner Weise erkennen, ob er diese Nachricht erfreulich oder erschütternd fand. 

Sollte Anastasis tatsächlich eine Verbindung zum Königreich Sarcas besitzen, war Vorsicht geboten. Sarcas und Eilean Moryd waren verfeindet, besonders, seit sich Eilean Moryd abgespalten und für unabhängig erklärt hatte. Andererseits war Alasdhairs Tod nichts, was sich in irgendeiner Weise geheimhalten lassen würde. Also konnte Rheon auch gleich bei der Wahrheit bleiben. »Ja, König Alasdhair ist kürzlich verstorben. Seine Gemahlin, Königin Iona, ist nun die rechtmäßige Herrscherin.«

»Ah, ist sie das.« 

»Ja, ist sie.«

Anastasis schnaubte. »Sie muss noch ein Kind sein. Die ganze Welt hat über Alasdhair Tasgall und seine Kindbraut geredet.«

Rheon verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. »Sie ist kein Kind mehr und sie war auch keines, als sie König Alasdhair geheiratet hat. Das wüsstet Ihr, wenn Ihr sie kennen würdet.«

Anastasis trat ein paar Schritte auf ihn zu, die Hände noch immer hinter dem Rücken verschränkt. Aus der Nähe wirkte er nicht mehr ganz so jung, wie Rheon angenommen hatte. Der strenge Zug um die schmalen, festen Lippen, die durch eine längs von der Nase bis zum Amorbogen laufende Narbe leicht uneben wirkten, verriet, dass seine Jugend schon eine Weile hinter ihm lag. Er mochte so alt sein wie Rheon, also in seinen frühen Dreißigern, vielleicht sogar etwas älter.

»Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass ich Euren Namen doch schon einmal gehört habe, Rheon Rí Silion. Gibt es nicht einen tharoganischen Prinzen dieses Namens?«

»Möglicherweise.« Rheon senkte das Haupt.

»Ein tharoganischer Prinz also, der den Schiffskapitän und Expeditionsleiter für die morydische Königin gibt. Was für weitreichende Allianzen.« Ein duftender Hauch wehte in Rheons Nase, als Anastasis an ihm vorüberschritt. Eine Mischung aus Weihrauch und den Blüten des paradiesischen Gartens. »Erzählt mir, warum hat die Königin Euch hierhergeschickt? Was will sie?«

»Nun ja, eigentlich wollten wir gar nicht hier in Shelzahav sein, zumindest nicht jetzt. Wir wollten in Akran festmachen und dann ins Landesinnere weiterreisen.«

»Um was zu tun?«

»Entdecken. Dinge erfahren, von denen wir noch nichts wussten. Zum Beispiel, dass Shelzahav einen sarcassischen König hat, von dem wir nie gehört haben. Ihr seid doch Sarcassier, oder?«

»Nie gehört?« Anastasis’ Augenlid zuckte. »Dem Blute nach bin ich durchaus Sarcassier«, erklärte er. »Ich habe allerdings mehr als die Hälfte meines Lebens in den Ostlanden verbracht. Ich würde behaupten, dass mich das in gewisser Weise auch zu einem von ihnen macht.«

»Und wie ist es möglich, dass Ihr hier sogar König seid?«, wollte Rheon wissen.

Anastasis, der mit dem Rücken zu ihm stand, wandte sich um. In seinem Blick lag ein gewisser Hochmut. »Weil ich es kann. Und wenn ich etwas kann, Gassenkönig«, ein boshaftes Lächeln hob seine Mundwinkel, »dann tue ich es auch.«

Rheon nahm einen tiefen Atemzug. Das seltsame Gefühl, das er die ganze Zeit schon in Anastasis’ Gegenwart empfand, erreichte eine neue Ebene. »An dieser Stelle sollte ich wohl fragen, was Ihr mit mir vorhabt, Majestät.«

Das boshafte Lächeln wurde breiter, aber es erreichte die Augen nicht, die trotz ihrer warmen, dunklen Farbe kalt wirkten. So wie die Stimme. »Ich muss gestehen, dass ich das noch nicht weiß. Die Tatsache, dass Ihr Euch als tharoganischer Prinz herausgestellt habt, offenbart mir ganz neue Möglichkeiten, falls Ihr wirklich der seid, für den Ihr Euch ausgebt. Ich werde abwägen müssen, wie ich mit Euch verfahre.« Nun blitzte doch etwas in seinen Augen auf, wenn auch nur für einen kurzen Wimpernschlag. »Ihr seid wertvoll.«

Langsam bekam Rheon eine Ahnung davon, wie unklug und unachtsam es gewesen war, seine Identität auszuplaudern. »Ich wüsste nicht, worin ich Euch wertvoll sein könnte«, gab er zurück.

»Wenn Ihr wirklich der Sohn der Könige von Tharog und Caorgan seid, dann ...« Anastasis beendete den Satz nicht, sondern musterte Rheon mit einem hintergründigen Lächeln. »Bis dahin seid mein Gast. Wenn Ihr Wünsche habt, zögert nicht, diese auszusprechen. Man wird sie Euch nach Möglichkeit erfüllen.«

»Ein Bad wäre nett«, rief Rheon Anastasis hinterher, als dieser Anstalten machte, zu gehen. 

Der König blieb stehen und warf ihm einen abschätzigen Blick über die Schulter zu. »Und ein Barbier ebenfalls, so wie Ihr ausseht. Ich werde beides veranlassen.« Damit verließ er den Raum, ohne Rheon noch die Möglichkeit zu einer Erwiderung zu geben.

 

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