Der Mann aus dem Meer

Leseprobe


Ein jeder Mensch hatte so seine Dinge, die er mehr liebte, und die, die er weniger liebte.

Was Lucas mehr liebte, war das Meer. Das Rauschen und Brüllen des Wassers in sturmgepeitschten Nächten. Die schäumende Gischt, an deren Farbe sich für ein paar Stunden die Zukunft ablesen ließ – zumindest, was das Wetter anbelangte. Die dunklen Tiefen und die schimmernden Wellenkämme. Der Wind, der die Brandung begleitete wie ein unsichtbarer Freund.

Was Lucas weniger liebte, waren Menschen. Menschen waren falsch und verlogen, sie waren laut und fordernd und aufdringlich. Er bevorzugte die Einsamkeit. Deshalb war er hier. Lucas war Leuchtturmwärter – einer der wenigen, die noch übrig waren. Heutzutage wurde eine solche Arbeit größtenteils durch Maschinen ersetzt.

Lucas verstand das. Wer wäre so dumm und würde sich mit Menschen herumschlagen, wenn er auch einen Automaten haben konnte? Diese wurden nie krank. Sie forderten nichts. Sie hatten keine Gefühle. Alles, was sie brauchten, war gelegentlich ein wenig Wartung.

Dennoch war er froh, dass seine Arbeit bislang noch nicht durch eine Maschine ersetzt worden war. Er wusste, der Tag würde kommen. Lucas war noch jung, erst Mitte Dreißig, das Leben würde danach weitergehen müssen. Bis dahin aber, so hatte er es beschlossen, würde er jede Stunde seiner Einsamkeit genießen. Der Turm war sein stummer Freund. Seine Festung, in die niemand eindrang, außer, wenn im Sommer ab und an Touristen kamen. Er hasste diese Zeit, in der er unfreiwillig den Gastgeber spielen musste, um Geld zu verdienen, das er gar nicht ausgeben konnte. Ein Leuchtturm sollte ein Leuchtturm bleiben und keine Pension, fand Lucas.

Heute war Heiligabend. Das Fest, an dem die meisten Menschen mit ihren Familien zusammensaßen, sich den Bauch mit Essen vollschlugen und heile Welt spielten. Für Lucas war das alles nicht wichtig. Er hatte keine Familie. Er brauchte auch keine. Er hatte ja seinen Leuchtturm.

Bereits der Tag war windig gewesen, aber als es Nacht wurde, hob der Wind zu einem Sturm an. Besorgt warf Lucas einen Blick nach draußen. Der Turm sandte Bündel von Licht in die Finsternis.

»Ich hoffe, dort draußen hat sich heute keiner verirrt«, murmelte Lucas zu sich und sah nach den beiden Forellen, die verheißungsvoll duftend in der Pfanne brieten. Wenn irgendeine arme Seele tatsächlich heute Nacht auf dieser sturmgepeitschten See herumirrte, würde sein Leuchtturm ihr den Weg ans sichere Land weisen.

Das Radio knarzte unschön. Stirnrunzelnd stellte Lucas an den Reglern herum, konnte aber keine saubere Frequenz finden. Mit einem leisen Fluchen stellte er das Gerät aus. Lautes Rauschen konnte er auch von der See haben, dazu brauchte er kein Radio. Er hatte sich eigentlich eine Weihnachtssendung anhören wollen, während er aß. Es war nicht so, dass er Weihnachten gar nicht mochte. Er wollte dabei nur eine Gesellschaft.

Mit einem Seufzen bugsierte er die gebratenen Fische aus der Pfanne auf seinen Teller und drapierte sie mit so viel Liebe, wie er aufbringen konnte, neben zwei Pellkartoffeln und einem guten Stück Butter. Es war eine einfache Mahlzeit, aber er wusste die Einfachheit mehr zu schätzen, als alles andere.

Tosender Sturm heulte um sein Refugium, während Lucas in dem kreisrunden Raum saß und sein Abendessen genoss. Hier gab es nichts außer einem kleinen Herd, einen Tisch mit zwei Stühlen, eine Sitzbank und ein paar Schränke.

Und was braucht man mehr?, fragte er sich, während er kaute und gedankenverloren aus dem Fenster sah, selbst der zweite Stuhl ist einer zu viel.

Das Meer brüllte mit dem Sturm um die Wette. Meterhohe Wellen warfen sich mit brachialer Gewalt gegen die Felsen der Küste. Und ringsherum herrschte nichts als die vollkommene Finsternis, wenn nicht ab und zu die Wolkendecke aufbrach und einen silbrig-hellen Vollmond freigab. Und wenn Lucas' Leuchtturm nicht wäre.

 

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