Die Farbe des Mondlichts

Die Inselreich-Saga 3

Leseprobe


Jeder Schritt musste gezählt werden. Sieben Schritte nach links. Dann nach rechts wenden und weitere dreißig Schritte die Gasse hinunter. Ein Blinzeln durch die schwarze Stoffbinde um seine Augen, dann weiter geradeaus über den Marktplatz. Vierzehn Schritte. Die Stände waren kürzlich neu geordnet worden und Bran hatte sich eine andere Schrittfolge einprägen müssen. Er war noch unsicher, aber es half, ab und an einen Blick durch seine Augenbinde zu wagen und sich an den Schemen zu orientieren. Fünf Schritte nach rechts. Jetzt konnte er das Zählen sein lassen und sich von den Stimmen leiten lassen. Tante Bedelias Organ, mit dem sie ihre Waren anpries, war jedenfalls nicht zu überhören.

Bedelia verkaufte gefärbte Stoffe. Ihre Arme waren stets bis zu den Ellenbogen tiefblau vom Waid. Jedenfalls beklagte sie sich andauernd darüber, denn Bran wusste nicht genau, was Tiefblau war. Er kannte keine Farben außer Grau, Schwarz und Silber. Die Farben der Nacht. Bran war mit einer Eigenschaft zur Welt gekommen, die man wohl als Tagblindheit bezeichnen musste. Das Licht der Sonne war zu stark für seine Augen, es blendete ihn, bereitete sengende, stechende Schmerzen, die es verhinderten, dass er seine Lider für mehr als ein kurzes Flattern heben konnte. In der Nacht hingegen, wenn der Mond schien und alle anderen Menschen unsicher im Dunkeln tappten, so wie er gerade über den Marktplatz, sah er gestochen scharf. Kein Schatten entging ihm, kein funkelndes Augenpaar in den Büschen. Auch nicht die dunkler gefärbte Haut an Tante Bedelias Armen, die bis zu den Ellenbogen reichte. Aber was Blau war, davon hatte er nur eine sehr vage Ahnung.

»Guten Morgen, Faulpelz«, begrüßte ihn die Tante neckisch. »Wenn du immer so lang in den Vormittag hinein schläfst, wird aus dir nie etwas werden.«

Als ob aus mir jemals etwas wird, dachte Bran, ballte die Fäuste und entspannte sie wieder. Für einen Tagblinden wie ihn gab es keinerlei ernsthafte Verwendung. Nicht einmal in einer finsteren Schmiede konnte er aushelfen, weil ihn die Funken zu sehr blendeten. Bei dem Gedanken an eine Schmiede musste er unwillkürlich seufzen. Seine Mutter hatte einst eine Silberschmiede besessen und war über die Grenzen der Hafenstadt Farolaín hinaus für ihre Künste berühmt gewesen. Aber dann hatte das tückische Schweißfieber sie überfallen und sie in nur einer Nacht zu Grunde gerichtet. Die Tante hatte die Schmiede geerbt und verpachtete sie, weil sie sonst nichts damit anzufangen wusste. Und sie hatte ihn, Bran, zu sich genommen. Bedelia war nett zu ihm, sie sorgte dafür, dass er satt wurde und ein Dach über dem Kopf hatte, aber sie schenkte ihm keine Liebe. Sie hatte ihn bei sich aufgenommen, weil das Testament seiner Mutter für den, der sich um ihren Sohn kümmerte, eine ordentliche Geldsumme vorgesehen hatte. Bedelia tat ihre Pflicht. Mehr konnte niemand von ihr verlangen.

»Bist du gekommen, um mir beim Verkaufen zu helfen, Branceánn, oder willst du hier nur herumlungern?«, fragte sie. Die Tante nannte ihn stets bei seinem vollen Namen, wo alle Welt ihn nur Bran rief.

»Eigentlich wollte ich mir nachher die Parade des Königs ansehen«, gab er zur Auskunft.

»Ansehen?« Sie lachte gackernd wie ein aufgescheuchtes Huhn.

Bran verschränkte gekränkt die Arme. Bedelia verstand einfach nicht, dass er auf seine ganz eigene Art auch ohne Augen sehen konnte. Seine Augen mochten am Tage ihren Dienst nicht tun, aber sein Geruchs- und Tastsinn sowie das Gehör funktionierten umso besser. Das Gemisch aus Düften, Geräuschen und Gefühlen ergab ein Bild, das seine Augen vielleicht noch ergänzen könnten, aber das sie nicht zwingend erforderlich machte. Er wollte zu dieser Parade. Wollte die Fanfaren hören, die von der Ankunft König Balians kündeten. Der hatte seine Hände nach dieser Stadt ausgestreckt, die ihm aber immer wieder wie ein glitschiger Fisch durch die Finger glitt. Farolaín war besonders: sie befand sich auf der Insel, die unter der Herrschaft des Großkönigs Balian stand, und wurde auf drei Seiten vom südlichen Teil des gleichnamigen Landes umschlossen. Die Herrschaft über die große Hafenstadt aber gehörte immer noch Tharog, dem benachbarten Inselreich, und dessen Fürst gedachte auch nicht, seine Rechte an Farolaín oder allem, was sonst noch zu Tharog gehörte, an den Großkönig abzutreten. Letzterer hatte aber dennoch beschlossen, mehr Präsenz in Farolaín zu zeigen. Wohl, um ihnen allen eindrücklich in Erinnerung zu rufen, dass er noch da war und so leicht nicht aufgab. Für Bran spielte das alles nur eine untergeordnete Rolle. Er war gerade fünfzehn Jahre alt und interessierte sich nicht sonderlich für politische Belange außerhalb der Gasse, in der er wohnte. Er wollte zu der Parade, um einen König zu sehen, wenn es die Gelegenheit schon einmal gab. Wie oft erhielt man diese schon?

Er half der Tante, ein paar zerwühlte Stoffballen neu und ordentlich aufzuwickeln. Eine Arbeit, für die er seine Augen nicht brauchte, nur seine tastenden Finger. Anschließend bat er sie um ein paar Münzen, um sich in der Garküche etwas zum Mittagessen kaufen zu können oder an einem der Marktstände eine Pastete zu erstehen. Er spürte Bedelias Widerwillen an dem überschwänglichen Druck, mit dem sie ihm das Geldstück in die Hand drückte, beinahe so, als wolle sie ihn mit der Bewegung von sich stoßen. Bran nahm es hin. Er war es gewohnt, dass die Tante es nicht mochte, wenn er ihr zu nahe kam oder sie ihm Geld geben musste. Wer konnte es ihr verdenken? Sie meinte es ja nicht böse.

»Erwarte nicht, dass ich dich bis zur Absperrung bringe!«, wetterte sie. »Ich habe keine Zeit für so etwas. Ich habe einen Marktstand zu betreuen! Du musst schon selbst sehen, wie du dort hinkommst, wenn du dir dieses sinnlose Gedränge unbedingt antun willst.«

Bran wich ein wenig zurück, weil er an den feinen Luftzügen bemerkte, wie ausladend seine Tante gestikulierte. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie ihm damit versehentlich einen schmerzhaften Streich über die Wange versetzte, weil er nicht rechtzeitig in Deckung gegangen war. »Ich finde schon alleine hin«, beschwichtigte er sie, obgleich er sich nicht so ganz sicher war, ob das stimmte. Er würde den Stimmen folgen müssen. Dem spürbaren Sog der Menge, die sich auf das Ereignis zubewegte. Er würde seine Ellenbogen einsetzen und rempeln müssen wie alle anderen, um bis an die Absperrung zu gelangen. Auch wenn seine Augen nutzlos waren, wollte er in der vordersten Reihe stehen, um alles so nahe wie möglich mitzubekommen. Das Hufgetrappel der königlichen Pferde zum Beispiel, die Schritte der Leibwächtergarde und vielleicht sogar einen Hauch des Duftes, den der Herrscher verströmte. Wie mochte ein König riechen? Sicher nicht wie ein gewöhnlicher Mensch nach Schweiß, gebratenen Zwiebeln und alten Fürzen. Er stellte sich vor, dass König Balian nach Lilien roch. Oder vielleicht nach Lavendel. Sicher konnte er jeden Tag in duftendem Wasser baden, während Bran nur an den Abenden vor großen Feiertagen in den großen Zuber durfte, in dem die Tante ihm dann lauwarmes Seifenwasser mischte. Ansonsten musste er sich mit Katzenwäschen mit eisigem Brunnenwasser begnügen.

Bran hielt inne und versuchte sich zu orientieren. Er gestattete sich ein kurzes Blinzeln durch die Augenbinde und gewahrte einen Pulk von Menschen etwa acht Schritte zu seiner Linken. Er steuerte auf sie zu, die Hände immer vorsichtig tastend nach vorn gerichtet, um etwaige Hindernisse rechtzeitig zu bemerken.

»He da!«, rief einer und rempelte ihn an. »Spielst du Blindekuh?«

Bran kam ins Straucheln und schaffte es gerade so, das Gleichgewicht zu halten und nicht hinzufallen. Der Rempler schien sich zu entfernen. Es war nicht das erste Mal, dass man ihn dergleichen foppte und irgendwann hatte er aufgegeben, sich darüber zu ärgern. Mochten die Leute doch denken, dass er Blindekuh spielte, er tat damit ja niemandem weh. Kaum, dass er den Pulk erreicht hatte, wurde er beinahe wie von selbst mitgezogen. Es ging vorwärts. Bran versuchte, Schritt zu halten und dabei niemandem auf die Zehen oder Fersen zu treten. Mit dem Blick auf den Boden gerichtet konnte er ein wenig länger und öfter blinzeln, weil ihn hier kein direktes Sonnenlicht blendete. Er hatte sich einen trüben Tag für die Parade gewünscht, um vielleicht etwas mehr davon zu erhaschen, aber strahlender Sonnenschein schüttete seinen Hohn über ihn aus. Nun gut, dann eben nicht.

Er brauchte seine Ellenbogen kaum. Sein Glück war, so traurig es auch sein mochte, dass die Leute ganz von selbst vor ihm zurückwichen. Ihnen graute vor ihm. Keiner wollte in der Nähe eines seltsamen, halbwüchsigen Jungen mit einer schwarzen Augenbinde stehen. Er selbst hätte es wahrscheinlich auch nicht gewollt, zumal er wusste, was die Leute zuweilen über ihn erzählten. Dass er unter einer ansteckenden Krankheit litt, zum Beispiel. Oder dass er von bösen Geistern besessen war und man ihm die Augenbinde umgelegt hatte, damit er mit seinem Blick nicht die anderen Menschen verfluchen konnte. Manche sagten wiederum, er besäße überhaupt keine Augen, sondern nur leere, klaffende Höhlen an deren Stellen. Manchmal wünschte Bran, dass es tatsächlich so wäre, denn das würde ihm zumindest den ekelhaften Schmerz ersparen, der sich wie spitze Nadeln in sein Gehirn schraubte, wenn er von gleißendem Tageslicht geblendet wurde.

Mit dem Bauch stieß er gegen ein schmales, nachgiebiges Hindernis, das sich nach kurzem Betasten als Seil entpuppte. Die Absperrung. Erleichtert atmete er auf. Er hatte es geschafft. Nun hieß es abwarten. Immer mehr Menschen drängten sich an die breite Straße, die der König mit seinem Festzug passieren sollte. Bran wurde eng gegen das Seil gedrängt, das unangenehm in seinen Magen drückte. Wenn er nicht aufpasste, würde er bald darüber baumeln wie eines der Wäschestücke, die Tante Bedelia zum Trocknen in den Hinterhof hängte. Und dann ertönten endlich die Fanfaren, die das Eintreffen des Königs verkündeten. Brans Aufregung wuchs. Er hob den Kopf, hielt die Nase in die Luft und versuchte, all die anderen Störgeräusche um sich herum auszublenden, um sich nur auf die Straße vor ihm zu konzentrieren.

Er roch die herantrabenden Pferde, noch bevor er deren Hufgeklapper auf dem Kopfsteinpflaster hören konnte. Es war der typische, süßlich-herbe Geruch der Tiere und ihrer Hinterlassenschaften, gemischt mit Stroh und Erde. Als sie direkt an ihm vorüberschritten, spürte er die Wellen der Wärme, die ihre Leiber aussandten. Bran mochte Pferde. Ihre Gegenwart beruhigte ihn, trotz ihrer Größe und ihres Temperaments. Dann wehte ein Bouquet zu ihm herüber, das er zuvor noch nie gerochen hatte. Es waren keine Lilien und kein Lavendel, sondern viel feiner. Ein pudriger Geruch mit einem Hauch von Maiglöckchen, unterlegt von Moschus. Der Luftzug, der Bran um die Nase wehte, als der König passierte, war kaum stärker als der Flügelschlag eines Schmetterlings. Und doch gab es für einen kurzen Moment nichts anderes als seinen Duft. Mit erschütternder Plötzlichkeit erkannte Bran, dass es ihm nicht reichte, den König zu riechen, zu hören und seine Gegenwart zu spüren. Die meiste Zeit hielt er seinen bei Tage fehlenden Sinn für durchaus verzichtbar, aber nicht heute, nicht jetzt und hier. Konnte er ein Blinzeln riskieren? Er musste es. Ansonsten würde er auf ewig bereuen, dass er es nicht wenigstens einmal versucht hatte.

Langsam hob er den Kopf und wandte ihn in die Richtung, in die der feine Duft ihn führte. Zwang seine Augenlider, sich zu heben. Sachte. Er spürte den Widerstand seiner langen, dichten Wimpern gegen die schwarze Augenbinde. Nur sehr schemenhaft erkannte er eine Silhouette, die kleiner und gebeugter erschien als er es sich vorgestellt hatte. Seine Neugier wuchs ins Unendliche. Nur ein kleiner Blick, ein winzig kleiner, obwohl schon das Blinzeln durch die Augenbinde ein widerwärtiges Ziehen in seinen Augäpfeln verursachte. Er bekam sicher nie wieder die Chance, einen echten König zu Gesicht zu bekommen, und bei Nacht würde kaum einer eine Parade für ihn abhalten. Vorsichtig schob er die Augenbinde nach oben. Allein das Licht, das diffus durch seine geschlossenen Lider schimmerte, war kaum zu ertragen. Trotzdem zwang er sich, sie zu heben. Nicht langsam, denn das würde zu lang dauern, wäre zu schmerzhaft. Er riss sie auf, legte all seine Aufmerksamkeit in diesen einen Wimpernschlag, in der Hoffnung, in die richtige Richtung zu blicken. Er sah eine Flut aus grellem Weiß. Ein Schatten, der sich aus ihr herausschälte. Ein alternder Mann auf einem Pferderücken, gebeugt, in prächtigem Ornat, das ihn wuchtiger erscheinen ließ als er tatsächlich war. Brans schmerzhaft aufgerissener Blick blieb an der Krone hängen, die zu groß und mächtig für das beinahe kahle Haupt erschien. Ein Sonnenstrahl verfing sich in dem blankpolierten Metall und ging in einem gleißenden Blitz auf, der gleich darauf direkt in Brans Kopf zu explodieren schien. Er ließ einen gequälten Schrei los und ging in die Knie. Wimmernd, mit zitternden Fingern, zog er sich die Augenbinde zurück an Ort und Stelle, aber es war zu spät. Der Blitz schien sich in seinem Kopf zu einer Kugel zu ballen, während seine tränenden Augen sich anfühlten, als wären sie mit Säure verätzt worden. Bran heulte vor Schmerz und Enttäuschung. Der Blick auf den krummen Greis mit der viel zu großen Krone war diesen Schmerz wahrlich nicht wert gewesen.

Das sollte also der mächtige Großkönig Balian sein? Er konnte kaum glauben, dass dieses Großväterchen die fünf Inselreiche in Angst und Schrecken versetzt und jeden Herrscher – bis auf den tharoganischen – dazu gebracht hatte, vor ihm im Dreck zu kriechen. Nun, vielleicht war er früher anders gewesen, ein stattlicher Mann womöglich, aber Bran war zu spät in der Zeit geboren, um das noch mitzuerleben. Er hoffte inständig, sich damit das Augenlicht nicht vollkommen verdorben zu haben. In der Dunkelheit waren seine Augen, so nutzlos sie tagsüber waren, scharfsichtig wie die eines nachtaktiven Raubtiers. Es waren die einzigen Stunden, in denen er ohne die lästige Augenbinde herumlaufen konnte. In denen er kein Kopfweh hatte – außer leichte Anflüge davon bei Vollmond – und in denen er überlegen anstatt hilflos war. So sehr er die Wärme des Sommers mochte, so sehr sehnte er stets den Herbst und den Winter herbei, weil die Sonne dann früher unterging. Weil sie gar nicht erst so hoch an den Horizont stieg, und ihm damit mehr Zeit blieb, in der er sich nicht blind durch die Welt tasten musste.

Vage drangen Schimpfworte zu ihm durch, die ihm galten, aber das Dröhnen in seinem Schädel sorgte dafür, dass sie kaum zu verstehen waren. Ohnehin war es ihm gleich, was die Leute sagten. Er war es gewohnt, dass man ihn beschimpfte. So war es eben: er war anders, und etwas, das anders war, durfte man nicht schön finden.

Er spürte, wie er von der Menge mitgezogen wurde, wie Füße und stoßende Hände ihn von der Absperrung wegtrieben. Er kroch auf Knien, während er sich Daumen und Zeigefinger durch den Stoff gegen die Augen drückte, um dem Schmerz irgendwie Herr zu werden. Endlich schien sich die unangenehme Menschenansammlung um ihn aufzulösen und er konnte sich mühsam aufrappeln. Tante Bedelia würde schimpfen, wenn sie bemerkte, wie schlecht es ihm ging. Tante Bedelia … er sollte zurück zu ihrem Stand gehen und hoffen, dass sie ihn nach Hause schickte. Er sehnte sich danach, sich in sein Bett zu legen, das aus nichts als einer festen Strohmatratze auf dem Boden einer kleinen Dachkammer bestand, und zu schlafen, bis es dunkel wurde. In der Nacht arbeitete er oft in Bedelias Lager und wickelte die Stoffe ordentlich auf, sortierte sie nach Beschaffenheit und Farbe, die er an den unterschiedlichen Helligkeitsgraden erkannte, und bereitete den Marktkarren für den nächsten Morgen vor. So war sein Geburtsfehler, wie ein Medicus seine besondere Kondition zu benennen gepflegt hatte, wenigstens zu etwas nütze.

Bran versuchte, sich zu orientieren und spitzte die Ohren nach bekannten Stimmen und Geräuschen. Ohne Erfolg. »Verdammt nochmal, warum mussten sie gerade jetzt die Stände neu ordnen?«, fluchte er leise vor sich hin. In der alten Ordnung hätte er sich im wahrsten Sinne des Wortes blind zurechtgefunden, aber hier fehlte ihm ein Orientierungspunkt, zumal er es sich nicht leisten konnte, zu blinzeln. Nicht, nachdem ihm die Sonne beinahe die Augen aus den Höhlen gebrannt hatte. Hier konnte er keine Schritte zählen, weil er nicht wusste, wo er sich befand. Langsam, sehr langsam tappte er vorwärts, die Hände tastend nach vorn gestreckt. Jemand schubste ihn und warf ihm eine rüde Beleidigung an den Kopf, bevor er einfach weiterging. Bran kam ins Straucheln und wäre beinahe gefallen, wenn nicht eine kräftige Hand ihn beim Oberarm gepackt und festgehalten hätte.

»Aber Vorsicht, junger Mann«, lachte eine freundliche Stimme, so weich wie der teure Samt, den Tante Bedelia manchmal von einem der ausländischen Händler erstand, um ihn noch teurer weiterzuverkaufen. »Beinahe wärst du gestürzt.«

Bran, dem das Herz noch bis zum Hals klopfte, atmete einmal tief durch. »Ja, das war knapp. Ich danke Euch.« Er erwartete, dass sein Helfer von ihm abließ wie von einem zu heißen Becher mit Honigwein, aber die Hand verharrte. Es fühlte sich eigenartig an, freiwillig von jemandem berührt zu werden, der sich so gar nicht von seiner seltsamen Erscheinung abgestoßen zu fühlen schien.

»Wohin des Weges?«, erkundigte sich der Fremde. »Kann ich dir vielleicht behilflich sein?«

»Ja, ich … wer seid Ihr denn?« Bran war verunsichert. Einerseits freute er sich, dass sich jemand seiner misslichen Lage annehmen wollte, andererseits kannte er die Stimme nicht und wusste sie nicht einzuordnen.

»Mein Name ist Bruder Demetrius«, stellte der andere sich vor. »Warum trägst du eine Augenbinde? Bist du blind?«

»Ich bin tagblind«, entgegnete Bran und atmete durch. Einem hilfsbereiten Mönch war er also in die Hände gefallen. Das war gut. »Die Augenbinde schützt meine Augen vor der Helligkeit.«

»Bei Gott, du Armer«, bekundete Bruder Demetrius sein Mitleid. »Und jetzt hast du dich verirrt? Du wirktest eben sehr orientierungslos. Kann ich dich irgendwo hinbringen?«

»Zum Stand meiner Tante, wenn Ihr so gut wärt«, gab Bran erleichtert zurück. »Sie ist Stoffhändlerin. Ihr Stand befindet sich am nördlichen Ende des Marktplatzes, in Richtung des Gotteshauses.«

»Ah ja, den Stand habe ich gesehen, ich komme gerade aus der Richtung.«

Wieder wurden sie angerempelt und Leute drängten sich rüde an ihnen vorbei, um eilig in besagtes Gotteshaus zu kommen, an dem die Prozession des Königs in einem Gottesdienst ihr Ende finden sollte. Großkönig Balian hatte sich zum Glauben an den einen Gott bekannt, der in den Inselreichen immer mehr Verbreitung fand und den Glauben an die alten, lokalen Gottheiten zu verdrängen drohte. In Tharog nahm man all dies nicht so genau, aber selbst der Fürst erkannte den neuen Glauben als gleichwertig zu den tharoganischen Göttern an, und das mochte etwas heißen.

»Komm, ich bringe dich zu deiner Tante«, verkündete der freundliche Mönch, dessen Stimme klang, als sei er noch verhältnismäßig jung. »Besser nehmen wir einen kleinen Umweg, um aus dem Gedränge hier herauszukommen, bevor uns wirklich noch jemand umrennt.«

Dankbar ließ Bran sich von dem Mann führen, dessen Hand noch immer seinen Oberarm umfasste. Bald wurden die Menschentrauben weniger dicht. Bran bemerkte es daran, dass die Stimmen leiser wurden und man viel leichter atmen konnte. Sie ließen den Marktplatz hinter sich und betraten eine der deutlich weniger belebten Seitengassen. Bruder Demetrius schwieg und schritt sehr schnell aus, aber Bran wagte es nicht, ihn zu bitten, etwas langsamer zu laufen. Der Bruder hatte gewiss nicht den ganzen Tag Zeit, um ihn wieder zu seiner Tante zurückzubringen, und er sollte froh sein, dass ihm überhaupt geholfen wurde. Die nächste Gasse war so leer, dass ihre Schritte von den hohen Häuserwänden widerhallten. Niemand schien hier zu sein, keine Stimmen waren aus der Nähe zu vernehmen, und es roch nach modrigem Abwasser und nassem Stein. Ein seltsames Kribbeln in der Magengegend und in den Fußsohlen ließ Bran unbehaglich werden. »Wo sind wir hier?«, fragte er vorsichtig.

»Ich sagte doch, wir nehmen einen Umweg.« Bruder Demetrius' Stimme klang nicht mehr warm und freundlich wie noch vor wenigen Augenblicken, sondern beinahe unwirsch.

Bran biss sich auf die Lippe. Was sollte er tun? Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas nicht richtig war. »Ich danke Euch für Eure Hilfe«, begann er vorsichtig, »aber ich denke, ich komme ab hier allein zurecht.« Wenn er ganz konzentriert lauschte, konnte er sich anhand der Stimmen in der Ferne vielleicht zum Marktplatz zurück orientieren und dort einen neuen Versuch starten, Tante Bedelias Stand ausfindig zu machen.

»Das denke ich nicht«, entgegnete der andere scharf und zerrte ihn weiter mit sich.

Der Griff um Brans Oberarm fühlte sich mit einem Mal schmerzhaft an, als läge ein grobes, dickes Seil darum, das ihm die Haut wundrieb. »Lasst mich gehen!«, rief Bran und schüttelte den Arm mit einem heftigen Ruck, um ihn Bruder Demetrius zu entziehen. Vergebens.

»Wirst du wohl aufhören, zu zappeln, Missgeburt?« Der letzte Rest Wärme war aus der Stimme gewichen, sie klang wie kaltes Metall.

O ja, sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen, etwas stimmte nicht, etwas stimmte ganz gewaltig nicht und wenn er es nicht schaffte, sich zu befreien, saß er in der Falle. Aber wie sollte er das bewerkstelligen? Dem Mann einen Tritt verpassen vielleicht. Und dann? Wohin laufen, wenn er nichts, aber auch gar nichts sehen konnte? Seine Flucht war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Bei Gott, wenn doch nur Menschen in der Nähe auszumachen wären, die er um Hilfe bitten konnte! Aber alle waren sie zum Gotteshaus gepilgert, um den König zu sehen, und ob man ihm, dem seltsamen Jungen mit der Augenbinde wirklich helfen würde, stand auf einem anderen Blatt geschrieben. Noch während er darüber nachdachte, wie er sich aus der Situation befreien sollte, versetzte der hinterlistige Betbruder ihm einen Stoß.

 

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