Ehe Iso die Schmiede verließ, tränkte er einen der Lappen, die er sonst zum Händeabwischen benutzte, im Wassereimer und hielt ihn sich vor Mund und Nase. Doch an der Tür blieb er stehen. Und begriff, dass dies das letzte Mal sein würde, dass er sein Zuhause sah. Sein Lebenswerk und das seiner Eltern und Großeltern. Der Ort, an dem er sein ganzes, bisheriges Leben verbracht hatte. An dem er sein Handwerk gelernt und kostbare Erinnerungen gesammelt hatte. Seine Augen brannten. Nicht der Rauch war die Ursache, sondern die Tränen, die die Trauer aus ihm herauspressen wollte.
Doch dafür blieb keine Zeit. Wenn er leben wollte, musste er jetzt fliehen, und er wollte leben, auch wenn er gerade nicht wusste, wofür.
Er ging hinaus. Noch immer klirrten Waffen und schrien Menschen um ihr Leben, aber es schien abzuebben. Schließlich wurde es nun auch für die Soldaten gefährlich, sich länger im Dorf aufzuhalten. Mitten auf dem leeren Weg vor ihm stand ein Mann. Schlank, hochgewachsen, scheinbar vollkommen reglos, eine schwarze Silhouette vor Rauchschwaden und rötlich schimmernden Flammen.
»Ihr!«, entfuhr es Iso, als er den Fremden aus der Schänke erkannte, der ihm so seltsam zugenickt hatte.
Schatten tanzten auf dem Gesicht des Mannes. Ein winziges Lächeln zeigte sich auf seinem scharf geschnittenen Gesicht. »Du.«
Er hob seine Hand. Ein winziger, brennender Ball schwebte über seinem Handteller und wuchs rasch auf die Größe eines Kopfes an. Noch immer mit diesem grausamen Lächeln im Gesicht, schleuderte er den Feuerball in Isos Richtung.
Geistesgegenwärtig warf sich Iso auf den Boden, während der Feuerball nicht weit hinter ihm auf eine hölzerne Hauswand traf, die sofort in Flammen aufging.
»Die Schreie der Aufständischen sind Musik in meinen Ohren!«, rief der Mann und lachte. »Und das Brennen ihres Fleisches ein Wohlgeruch in meiner Nase!«
Das blanke Entsetzen fuhr in Isos Knochen und machte sie weich. Dieser Mann war mehr Dämon als alle Gulam in den Wäldern dieser Welt zusammen. Es musste der Feuergeneral sein. Oder der Tyrann, der sich Größter nannte, selbst.
Hier auf dem Boden ließ es sich allerdings besser atmen, also robbte Iso voran, in der Hoffnung, dem Fokus des Feuerdämons entkommen zu können. Er rechnete damit, jederzeit von einem Feuerball getroffen zu werden und bei lebendigem Leibe zu verbrennen, aber nichts passierte. Vermutlich weidete sich der Mann daran, wie sich Iso am Boden wand und wartete auf den richtigen Moment. Iso kroch um die Ecke des Hauses, das er jetzt erst als Karolds Schänke erkannte, und richtete sich auf. Vom Feuergeneral war nichts mehr zu sehen. Aber ein leiser Hilfeschrei drang an seine Ohren. Die Stimme einer Frau.
Er richtete seinen Blick nach oben. Im Fenster erkannte er die Umrisse einer kleinen Gestalt. Das Zimmer hinter ihr schien bereits in Flammen zu stehen und als Iso etwas näher trat, erkannte er die nackte Panik in ihren Augen.
»Spring!«, rief er und streckte die Arme aus.
Sie zögerte.
»Na los, spring! Ich fang dich auf!« Es war das zweite Stockwerk und wenn er sie verfehlte, mochte sie sich alle Knochen brechen. Aber das würde er nicht.
Noch immer schien sie mit sich zu ringen. Was hatte sie für ein Problem?
»Wenn du nicht bei lebendigem Leibe verbrennen willst, spring jetzt!«
Diese Aussicht schien sie aus ihrer Lethargie zu reißen, denn sie kletterte auf den Fenstersims, ging in die Hocke und warf Iso einen fragenden Blick zu.
Er streckte ihr die Arme so weit wie möglich entgegen und nickte. Sie sprang. Und er fing sie auf. Rücklings fiel er mit ihr auf den harten Boden und für einen Moment blieb ihm die Luft weg. Die Frau beeilte sich, von ihm herunterzuklettern, und schien unversehrt. Auch er rappelte sich auf.
»Komm mit, wir müssen hier weg!«
Ohne auf ihre Antwort zu warten, packte er sie beim Handgelenk und zog sie mit sich. Durch enge Gassen zwängten sie sich in Richtung Dorfgrenze, stiegen über schwarz verkohlte Körper und vorbei an brennenden Karren. Iso hatte keine Ahnung, wer die Frau war, aber er war fest entschlossen, sie und sich selbst zu retten.
Sie erreichten das freie Feld und als sie sich weit genug vom Dorf entfernt hatten, blieben sie stehen, um durchzuatmen. Frische Luft. Der Wind trieb den Rauch glücklicherweise in die andere Richtung. Iso war es übel und schwindelig, aber er riss sich zusammen.
»Wohin jetzt?«, fragte die Frau.
Nachdenklich sah Iso auf sie herab. Ihr Gesicht war rußgeschwärzt, aber die hellblauen Augen stachen deutlich daraus hervor. »Ich ...« Er drehte sich in Richtung Wald und schüttelte den Kopf. »Die Nacht bricht an. Der Wald ist nicht mehr sicher.«
»Sicherer als das da«, wandte sie ein und zeigte auf das brennende Dorf.
Diesmal war sie es, die keine Antwort abwartete, sondern einfach losmarschierte. Iso folgte ihr notgedrungen, auch, weil ihm nichts Besseres einfiel. Der Wald mochte die Häscher des Tyrannen abhalten, oder sie hofften, dass die Gulam die restliche Arbeit für sie erledigten.
Als sie den Wald betraten, herrschte plötzlich eine seltsame Stille. Die Geräusche des brennenden Oaking schienen wie abgeschnitten und das Einzige, was Iso hörte, war sein unnatürlich laut erscheinender Atem. Die Frau öffnete die Tasche an ihrem Gürtel und holte etwas heraus. Ein leises Kratzen ertönte, Funken flogen. Erschrocken wich Iso zurück.
War sie etwa auch eine solche Feuerdämonin? Schließlich war sie eine Fremde, genau wie der Mann aus der Schänke ...
Doch sie entzündete lediglich einen kleinen Kienspan, suchte den Wegesrand nach einem dürren Ast ab und machte eine notdürftige Fackel daraus. »Licht hilft«, erklärte sie kurz angebunden und sie setzten ihren Weg fort.
Immer wieder musste Iso husten und sein Herz klopfte heftig, viel schneller, als er es sonst kannte. Die Übelkeit im Zaum zu halten, fiel zunehmend schwerer.
»Ich ...« Es war zu spät. Am Wegesrand fiel er auf die Knie und übergab sich. Wieder und wieder quälte ihn erneuter Würgreiz, bis er das letzte bisschen Galle ausgespien hatte und sich mit zitternden Armen auf dem Boden abstützte.
Die Frau war noch da. »Du hast zu viel Rauch eingeatmet«, schloss sie. »Aber das vergeht.«
Schwankend kam Iso zum Stehen. »Das hoffe ich doch. Und du? Ist mit dir alles in Ordnung?«
Sie hob die Schultern. »Ich lebe. Und es ist nicht das erste Höllenfeuer, dem ich entkommen bin. Lass uns weiter ins Unterholz laufen. Dort können wir eine Rast einlegen. Du siehst nicht aus, als könntest du noch allzu weit kommen.« Sie wandte den Blick auf eine seltsame Weise ab, als könnte sie es nicht ertragen, ihn anzusehen. »Und ... danke. Danke, dass du mich gerettet hast.«