Der Herr der schwarzen Festung

Leseprobe


Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Sah ein Stück vom Meer, das gegen den Fels der Küste brandete, und steinige, moosbewachsene Landschaft. Keine Bäume, nur kleine Sträucher. Und am äußersten Ende seines Blickwinkels den Fuß eines Berges. Allein das, was er von hier und dem Schiff aus erblickt hatte, weckte seinen Wunsch, dieses fremde Land genauer zu erkunden.

Er schreckte aus seinen sehnsüchtigen Gedanken hoch, als die Tür zu seiner Kammer geöffnet wurde. Ein Mann trat ein. Obwohl er keine Krone trug, wusste Vári sofort, dass es der König sein musste.

Er war groß. Vielleicht der größte Mann, den Vári, selbst nicht gerade klein, je gesehen hatte. Geradezu turmhoch ragte er vor ihm auf, nicht bullig und bepackt wie Rheon oder der Othán, aber mit den breiten Schultern eines Soldaten. Seine imposante Statur war gänzlich in Schwarz gekleidet, nur der Pelz, der seinen Umhang verbrämte, besaß die gräuliche Farbe eines Gebirgswolfs. Das ebenso nachtdunkle Haar war an der Seite des Kopfes zu einem kunstvollen Knoten gebunden und offenbarte das kantige, strenge, glattrasierte Gesicht. Am faszinierendsten jedoch fand Vári seine Augen. Bernsteinfarben mit einem schwarzen Ring um die Iris, erinnerten sie an den Schlund eines Vulkans. Und genau wie flüssige Lava brodelte sein Blick. Kurz gesagt: Er war einschüchternd.

»Ich hatte schon früher mit Besuch gerechnet«, verkündete der König mit einer tiefen Stimme, deren Klang Vibrationen durch Váris Körper sandte. »Nur hatte ich nicht geglaubt, dass er ausgerechnet dich schickt.«

»Er?«, krächzte Vári. Der König sprach lupenreines Alvaeisch und im Gegensatz zu den Wachen, die sie ins Schloss gebracht hatten, sah er mit seinen wie gemeißelten Zügen auch tatsächlich wie einer aus. War dies etwa ein unentdecktes Reich der Alvaei, von dem keiner etwas geahnt hatte?

Der König trat näher und beugte sich zu ihm herab. »Dein Vater.« Er roch nach etwas Herbem und schwach nach Rauch.

»M-mein Vater ist tot«, stammelte Vári.

Etwas Seltsames blitzte in den Augen des Königs auf. »Tatsächlich?«

»Ja. Schon vierzehn Jahre.«

»Verstehe ...« Der Lavablick weitete sich. »Jetzt bist du der König?«

»Nein, noch nicht«, erwiderte Vári verwirrt. »Woher ... woher glaubt Ihr, mich zu kennen? Ich habe Euch noch nie zuvor gesehen.«

»Doch, das hast du«, versetzte der König streng. Mit einer eigenartigen Zärtlichkeit legte er Vári eine Hand an die Wange. Seine Fingernägel erinnerten an Krallen. »Aber an einen wie mich erinnert sich das hübsche Prinzchen wohl nicht mehr. Lass mich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen: Ich bin Isidor Skuron, einst einer der höchsten Heerführer deines Vaters. Er hat mich vor langer Zeit hierher in den Norden geschickt, um zu erkunden, ob es hier noch etwas zu erobern gibt. Gab es, wie du siehst, aber als ich dieses Land gesehen habe, habe ich beschlossen, dass Balian genug hat und ich eigentlich nicht übel Lust hätte, selbst König zu sein.« Er lachte leise. »Und jetzt bist du gekommen, um es mir im Namen des Großkönigreichs wieder wegzunehmen. Nicht wahr?«

Váris Brust war wie zugeschnürt. »Balian?«, flüsterte er wie vom Donner gerührt. »Wie lange seid Ihr schon hier?«

»Lange genug, um die Anzahl der Jahre vergessen zu haben. Und jetzt beantworte mir meine Frage, Halvor Silberhaar: Was willst du hier, wenn nicht Krieg?«

Endlich setzten sich Isidors verworrene Andeutungen zu einem Bild zusammen: Halvor. Er hielt Vári für seinen Großvater!

»Ich bin nicht der, der Ihr denkt«, erklärte Vári. »Und ich bin nicht gekommen, um irgendetwas zu erobern oder wegzunehmen.«

»Ach nein?«, fuhr ihn Isidor unerwartet heftig an. »Nenn mir einen Grund, warum ich dir das glauben sollte! Und natürlich bist du der, der ich denke! Ich bedauere ja sehr, dir das sagen zu müssen, aber du hast alles andere als ein Allerweltsgesicht.«

»Halvor war mein Großvater.«

»War?«

»Ist ... es ist etwas kompliziert.« Vári schluckte heftig. »Ihr kanntet ihn?«

Die Klaue drückte zu, bis Váris Kiefer schmerzte und er sich aus dem Griff zu winden versuchte. »Ja, ich kannte dich, Halvor. Das silberne Prinzchen, das jeder liebte, außer sein eigener Vater. Halvors Enkel, he? Etwas Besseres ist dir nicht eingefallen?«

»Es ist die Wahrheit«, erklärte Vári und schaffte es endlich, sich vom König loszumachen.

»Ja, sicher. Und wie lautet dann dein Name, hm, Enkel von Halvor?«

»H-Halvárd Tasgall«, erwiderte er, »man nennt mich Vári.«

»Halvárd, der Enkel von Halvor.« Isidor schnaubte amüsiert und wandte seinen Blick zum Fenster. »Kreative Namensfindung.« Plötzlich fuhr er herum, packte Vári bei den Schultern und drängte ihn gegen die Wand. »Ich glaube dir kein Wort! Ich weiß, wer du bist, und du bist gekommen, um mir mein Königreich zu nehmen. Aber das, Halvor Machbalian, werde ich nicht zulassen. Hier herrsche ich. Und mit dem Besegeln meiner Hoheitsgewässer hast du dein eigenes Urteil gefällt. Über dich und deine Begleiter.«

»Nein, bitte glaubt mir doch!«, flehte Vári. »Balian war mein Urgroßvater und er ist schon lange vor meiner Geburt gestorben! Es gibt kein Großkönigreich Balian mehr, das ist längst Geschichte.«

»Netter Versuch. Heißt es nicht immer: Die größte List des Widersachers ist es, einen glauben zu machen, dass es ihn nicht gibt? Nun, vielleicht ist Balian ja wirklich gescheitert und tot. Mir ist es gleich. Aber umso weniger werde ich zulassen, dass du hier landest und mir mein Königreich nehmen willst, Halvor.«

»Das will ich nicht! Ich schwöre es. Durchsucht unsere beiden Schiffe, wir haben kein Kriegsgerät an Bord. Wir sind Entdecker, keine Eroberer. Unsere Expedition in den Norden ist eine Friedensfahrt, eine gemeinsame Unternehmung aller Inselreiche.«

»Wohl eher ein Auskundschaften«, versetzte Isidor kalt. »Alle Inselreiche? Du hast dich gerade verplappert, Silberhaar, denn das Großkönigreich gibt es dann wohl doch noch.«

»Das Großkönigreich ist längst Geschichte. Jede Nation ist unabhängig, aber es herrscht Frieden.«

»Frieden?« Isidor hob eine Braue, legte den Kopf in den Nacken und lachte. Es war ein lautes, durchdringendes Lachen, das den ganzen Raum erfüllte. »Ein guter Lügner warst du tatsächlich noch nie, Halvor.« Schlagartig wurde er wieder ernst und sein Blick verdüsterte sich. »Ihr werdet dieses Land nicht lebend verlassen. Ich werde euch töten lassen und eure Leichen ins Meer werfen. Irgendein großer Fisch wird sie schon fressen.«

»Nein!« Vári fiel auf die Knie. Panik nahm ihm die Luft, jedes Wort kostete eine enorme Kraft, aber das durfte er nicht zulassen. Er musste diesen König davon überzeugen, dass er nicht Halvor war. Warum musste er seinem Großvater auch so unheimlich ähnlichsehen? Er hatte es schon immer als eine Belastung empfunden, aber nun nahm es ein neues Ausmaß an. »Bitte schont unser Leben. Wenn Ihr uns hier nicht wollt, werden wir sofort an Bord unserer Schiffe gehen und wieder Richtung Süden aufbrechen.«

»Und dann dort allen erzählen, was ihr hier gefunden habt? O nein.« Isidor lachte kalt, aber dann musterte er Vári mit einem seltsamen Ausdruck. »Du kannst also knien, Silberhaar. Und betteln.« Er trat einen Schritt näher, legte eine Hand unter Váris Kinn und zwang seinen Blick nach oben. »Bei all der Rebellion gegen deinen Vater hätte ich das nicht für möglich gehalten.«

»Bitte ... Majestät.«

»Hm.« Isidors Blick schweifte in die Ferne. Er machte den Eindruck, als lauschte er irgendetwas. »Oh, du hast Glück, Silberhaar«, flüsterte Isidor wie in Trance. »Du sollst vorerst leben.«

»Nur, wenn meine Begleiter auch leben dürfen.« Dieser Satz kostete Vári mehr Mut als alles andere, denn in Wahrheit wollte er unbedingt leben, egal, was passierte.

»Ja, ja«, erwiderte Isidor unerwartet und winkte ab. »Von mir aus.« Er war wieder da, der eben noch entrückte Blick wieder klar. »Wer ist jetzt König, Halvor?«, fragte er leise. »Wer herrscht, wenn nicht Balian oder du?«

»Meine Mutter herrscht über Eilean Moryd.«

»Deine Mutter ist tot.«

Vári schüttelte den Kopf. »Halvors Mutter ist tot. Meine nicht.«

Ein Lächeln zuckte in Isidors Mundwinkeln, aber es erreichte seine Augen nicht. »Kleiner Lügner.« Er drehte sich um. Er war eine beeindruckende Gestalt mit seiner schieren Größe und der eigenartigen Haartracht, aber irgendetwas fehlte ihm.

Das Menschliche. Ihm fehlt das Menschliche.

 

Fast wie eine düstere Gottheit wirkte er, die nicht verstand, wie irdische Wesen fühlten und dachten. Dass er ein Heerführer seines Urgroßvaters gewesen sein sollte, ging Vári kaum in den Kopf. Isidor wirkte nicht älter als Ende dreißig, Anfang vierzig, aber das langsame Altern war eine Sache, die Alvaei zu eigen war, auch manchen Mischbluten wie König Aneiryn oder vielleicht auch ihm selbst. Was für ein Königreich hatte sich Isidor hier errichtet? War er mit Blut und Schwert über das Land gekommen, so wie seinerzeit Balian über die Inselreiche?

 

< Zurück