No Easy Ground


Ich ziehe meine Hose aus und gehe träge in Richtung Dusche. Das Geräusch des Wassers wird lauter, der Dampf liegt schwer in der Luft. Mein Körper bleibt stehen, bevor mein Gehirn merkt, dass ich aufgehört habe, zu laufen.

Nur ein Schritt. Noch einer. Es ist nur eine Umkleide. Nur Wasser. Nur Teamkollegen. Sie wissen es nicht. Und das müssen sie auch nicht.

Ich trete unter einen der freien Duschköpfe. Der lauwarme Wasserstrahl trifft meinen Nacken und lässt mich kurz die Augen schließen.

Doch plötzlich ist da ein anderes Geräusch, ein anderes Lachen. Eine andere Umkleide. England. Der Raum dort war kleiner. Enger.

Ich hatte in einem gedankenlosen Moment mein Handy ohne Bildschirmsperre auf der Bank liegen lassen. Der vielleicht größte Fehler meines Lebens.

»Was ist das denn?« Ein Teamkollege hatte es hochgehalten. Der Bildschirm leuchtete und da war ein Name mit einer Nachricht. Nur ein Satz. Einer, der keinen etwas anging. »Ohoho, Whitmore!«

Die anderen lachten, aber nicht freundlich oder belustigt, sondern mehr ... wie Hyänen. So schneidend und boshaft.

Ich öffne die Augen. Das Wasser läuft über mein Gesicht. Ich bin wieder in Neuseeland, zwölftausend Meilen entfernt von dieser alten Umkleide. Hier lachen keine Hyänen und der kurze Zwischenfall von vorhin scheint längst vergessen, denn hinter mir ruft jemand etwas über das nächste Spiel. Liam feixt wieder über irgendeinen Witz. Und irgendwo im Raum höre ich Wills Stimme, ruhig und tief, Teil des Gesprächs.

Ich lehne die Stirn kurz gegen die kühlen Fliesen. Vielleicht wird es diesmal doch anders. Oder es beginnt alles nur von vorn.

Ich drehe das Wasser höher. Nur für den Fall, dass jemand merkt, wie laut mein Herz schlägt. Regle die Temperatur runter. Ich brauche gerade eine Abkühlung, kaltes Wasser, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Neben mir bewegt sich ein Schatten. Schritte auf nassen Fliesen, dann das kurze metallische Klacken eines Duschhahns. Ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, wer es ist. Irgendwie hat er so eine Präsenz, die einen Raum erfüllt, sobald er ihn betritt.

Der Captain steht einen Duschkopf weiter. Und ich kann nicht anders, als verstohlen hinzusehen. Das Wasser läuft über seine Schultern und folgt den dunklen Linien der traditionellen Tätowierungen auf seiner Haut. Ich hab sie auf dem Feld schon gesehen, aber hier, unter dem Wasser, wirken sie anders. Fast wie lebendig.

Schwarze Muster ziehen sich entlang seiner linken Schulter, schlingen sich um den Oberarm und laufen über die Brust nach unten. Spiralen, Linien, Formen, die aussehen, als hätten sie ihren eigenen Rhythmus. Māori-Tätowierungen.

Auf Te Rangis Körper wirken sie nicht wie bloße Verzierungen, sondern, als sei seine Haut dafür gemacht worden, als wäre er damit geboren. Ich schließe die Augen, um nicht länger zu starren und mich noch in Bereiche zu bewegen, die mich so gar nicht zu interessieren haben.

»Du wartest wirklich, bis die Dusche halb leer ist«, bemerkt er beiläufig.

Ich blinzle. Das Wasser läuft über sein welliges, schwarzes Haar, über sein Gesicht, folgt den Linien der Tätowierungen über Schulter und Brust. Ich wende meinen Blick wieder ab, ehe ich den Rinnsalen weiter folge.

»Ist das ein Problem?«, frage ich. »Ich meine, du bist ja auch gerade erst gekommen, als die meisten schon weg waren.«

»Nein, es ist kein Problem.« Da ist er wieder, dieser leicht ironische Blick. »Ist nur ein bisschen ungewöhnlich.«

Ich schnaube leise. »Ich hab einfach nur gern Platz.«

»Im Rugby?«

»Im Bad.«

Ein kurzes, fast lautloses Lachen entkommt ihm und er mustert mich seltsam. »Gewöhn dich da lieber nicht dran«, sagt er. »Auswärtsspiele sind schlimmer. Da geht es zu wie auf dem Jahrmarkt.«

Ich schließe wieder die Augen. Das Wasser rauscht über meinen Nacken. Für einen Moment gibt es nur dieses Geräusch und das leise Echo von Stimmen aus der Umkleide.

»Callaghan meint es nicht böse«, sagt Te Rangi plötzlich.

Ich öffne wieder die Augen.

»Was?«

»Das mit der Prinzessin.«

»Ach, nicht? Ich hatte gedacht, dass er mir damit einen Heiratsantrag machen wollte.«

Sein Mundwinkel zuckt. »Er stellt Leute gern auf die Probe.«

»Das hab ich gemerkt.«

»Er testet jeden, nicht nur dich. Das musst du nicht persönlich nehmen.«

Ich sehe kurz zu ihm hinüber. Die schwarzen Linien seiner Tätowierungen wirken fast wie Bewegungen, wenn das Wasser darüberläuft.

»Und du?«, frage ich.

»Was, ich?«

»Na, testest du mich auch?«

Das Wasser prasselt gegen die Fliesen und verstärkt auf eine seltsame Weise sein Schweigen. »Ich beobachte lieber«, erklärt er schließlich unaufgeregt.

Ich lehne mich mit der Schulter gegen die Wand. »Und, zu welchen Schlüssen kommst du?«

»Hab mich noch nicht entschieden.«

Ich nicke langsam. »Das beruhigt mich ja jetzt sehr.«

Er sieht kurz zu mir herüber, sein Blick ist aufmerksam, als würde er jedes Detail registrieren. »Ich kann zumindest sagen: Du spielst gut«, gibt er schließlich zu.

Das überrascht mich, mehr noch als Liams Lob an der Kühlkiste. »Danke.«

»Aber du spielst, als würdest du warten.«

Ich spüre, wie sich mein Nacken anspannt. »Worauf sollte ich denn warten?«

Er zuckt leicht mit den Schultern. »Dass etwas passiert. Was auch immer.«

Ich wende meinen Blick ab. »Vielleicht passiert ja auch etwas«, gebe ich tonlos zurück.

»Hier?«, fragt er.

»Überall.«

Te Rangi dreht das Wasser ab. Das Rauschen seiner Dusche verstummt. »Das hier ist Neuseeland, Whitmore.«

Ich greife nach dem Shampoo neben mir. »Ach so? Ist mir gar nicht aufgefallen. Hab mich schon gewundert, warum im Februar so eine Hitze ist.«

Er nimmt sein Handtuch von der Wand. Die Bereiche seines Körpers, die ich auf keinen Fall sehen will, verschwinden darunter. »Wir spielen nur Rugby.« Ich will schon etwas Bissiges erwidern, als er noch etwas hinzufügt: »Der Rest interessiert mich nicht.«

Er wendet sich ab und geht zurück in die Umkleide. Das Wasser läuft noch über meinen Rücken.

Wir spielen nur Rugby. Der Rest interessiert mich nicht.

Wenn das wirklich so einfach wäre, wäre ich jetzt wohl nicht hier. Und trotzdem fühlt sich dieser Satz ein bisschen … beruhigend an. Zumindest, bis ich wieder an England denke. 

 

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