Callaghan entdeckt mich sofort. Verengt seine Augen. Dann setzt er sich wieder in Bewegung, und zwar direkt auf mich zu. Gut. Das erspart mir den ersten Schritt.
»Du stalkst mich jetzt also auch außerhalb des Feldes«, ruft er mir entnervt entgegen, noch bevor er ganz bei mir ist.
»Ich stehe hier einfach nur«, erwidere ich unbekümmert. »Du bist derjenige, der auf mich zukommt.«
Er bleibt stehen. Zwischen uns liegen kaum noch zwei Schritte Abstand.
»Du hättest auch gehen können«, grollt er. »Hier gibt es nichts mehr zu sehen.«
»Oder vielleicht doch?«
Feindselig starrt er mich an. »Ich hätte da eine Schlagzeile für die nächste Titelseite: Scrum-Half erwürgt Sportreporter, weil der ihm auf den Sack geht.«
»Ha.« Ich schiebe die Hände in die Jackentaschen, weil der Wind plötzlich auffrischt. »Du hast gar nicht schlecht gespielt heute«, erkläre ich schließlich.
Callaghan zuckt mit den Schultern. »War okay.« Er klingt, als sei es ihm egal, aber ich merke ihm an, dass es das nicht ist.
»Für okay war es ziemlich konstant«, entgegne ich.
Er verengt die Augen. »Komm zum Punkt. Was willst du?«
Gut, dann sparen wir uns den Eiertanz davor. Ist mir ganz recht.
»Du hattest zwei Situationen, in denen du einen Schritt zu spät warst.«
Seine Haltung verändert sich kaum. Aber dieses minimale Anspannen in den Schultern entgeht mir trotzdem nicht. »Nein«, erwidert er schließlich.
Ah, ja. Wir versuchen es also mit Leugnen. »Doch«, widerspreche ich.
Er schnaubt leise. »Du hast keine Ahnung, wovon du redest.«
»Schon möglich.«
Callaghan ballt die Hände zu Fäusten. Er wird mir keine reinhauen, aber ich sehe ihm an, dass er es gerne würde.
»Erste Halbzeit, etwa zwanzigste Minute«, fahre ich fort. »Du gehst in den Lauf, der Ball kommt, du bist einen Tick zu spät dran. Du fängst ihn trotzdem, der Ablauf bleibt sauber.«
Er verschränkt die Arme, sein Kiefer mahlt angespannt. »Und?«
»Dann zweite Halbzeit, kurz vor dem Try. Ähnliches Muster.«
»Das war Timing.«
»Ja. Und dein Timing war irgendwie off.«
Er sieht mich an, als würde er abwägen, ob sich die Diskussion lohnt. »Ich bin ein Mensch und keine Maschine. Und wir haben gewonnen.«
»Das stimmt«, gebe ich zu.
»Ich habe keinen Ball verloren.«
»Auch richtig.«
»Also was ist dann dein verdammtes Problem, Schmierfink?«
Ich hebe die Schultern. »Ich will verstehen, warum diese Dinge dir plötzlich passieren. Denn in der letzten Saison sind sie das nicht.«
Hart lacht er auf. »Du schreibst Artikel, Fletcher. Bleib dabei.«
Ich deute ein Lächeln an. »Das eine schließt das andere nicht aus. Für einen guten Artikel muss ich genau beobachten.«
Er tritt einen halben Schritt näher, vermutlich, um mich einzuschüchtern. »Du bist kein Teil des Teams.«
»Das habe ich nie behauptet.«
»Dann hör auf, so zu tun, als würdest du wissen, was hier abgeht.«
Ich lasse den Blick kurz über den Parkplatz wandern, dann zurück zu Callaghan. »Ich weiß, was ich gesehen habe.«
»Und ich weiß, wie ich gespielt habe.« Seine Stimme ist verdächtig ruhig. Ein bisschen so, als würde er sich selbst überzeugen müssen.
»Dann erklär es mir.«
Er zögert. Ein paar Sekunden vergehen, in denen nur der Wind zwischen uns weht und irgendjemand auf dem Parkplatz geräuschvoll seinen Kofferraum schließt. »Da gibt es nichts zu erklären«, entgegnet er schließlich.
Ich nicke langsam. »Okay.« Ich beschließe, es dabei zu belassen. Zumindest für den Moment.
Doch Callaghan entspannt sich nicht, im Gegenteil. Er wirkt eher, als würde er darauf warten, dass ich noch etwas nachlege.
Nun gut, wie er will. »Ist das neu aufgetreten?«
Sein Blick verhärtet sich. »Was?«
»Dass dein Timing manchmal so ... leicht off ist.«
»Ist es nicht.«
»Heute schon.«
»Nein.«
Ich halte den Blickkontakt; Callaghan hält ihm stand. »Du hast es zweimal ausgeglichen«, erkläre ich vorsichtig. »Sauber genug, dass es niemand wirklich merkt.«
»Weil da nichts war!«
»Oder weil du gut genug bist, es zu kaschieren.«
Das sitzt. Ich sehe es. Es ist nur eine winzige Reaktion, ein kurzes Innehalten, aber es ist da und wirkt irgendwie fehl am Platze.
»Du suchst nach etwas, das nicht da ist«, versetzt Callaghan schließlich. Seine Stimme ist wieder gefasst.
»Das kann sein«, erwidere ich. »Aber normalerweise liege ich mit so etwas nicht komplett daneben.«
Er mustert mich prüfend. »Warum interessiert dich das überhaupt?«, will er wissen.
Gute Frage. »Ist mein Job.«
Er verzieht das Gesicht. »Bullshit.«
Ich zucke mit den Schultern. »Es ist zumindest ein Teil davon.«
»Und der andere Teil?«
Ich halte kurz inne. »Ich mag keine Muster, die ich nicht einordnen kann.«
Er stößt einen kleinen Atemzug aus. Ich weiß nicht genau, ob erleichtert oder genervt. »Das ist dein Problem.«
»Im Moment vielleicht auch deins.« Okay, das war zu direkt. Ich sehe es an seiner Reaktion, an der Art, wie sich seine Brauen zusammenziehen.
»Nein!«, donnert er.
»Na gut.« Ich lasse die Hände in den Taschen, bleibe stehen, bewege mich keinen Zentimeter.
Callaghan könnte jetzt gehen. Aber er bleibt. Interessant.
»Du bist mir gestern schon beim Training aufgefallen«, setze ich nach.
Wieder verengt er die Augen. »Ich falle ständig auf.«
»Nicht so.«
»Wie denn?«
Ich suche nach dem passenden Wort. »Nicht durch Ungenauigkeit.«
Freudlos lacht er auf. »Du solltest einen besseren Begriff dazu finden.«
»Ja, vielleicht. Aber das trifft es ganz gut.«
Er fährt sich mit der Hand in den Nacken. Dann lässt er sie wieder sinken. »Du siehst Gespenster«, erklärt er schließlich.
»Kann schon sein. Oder ich sehe etwas, das du gerade nicht sehen willst.«